Geschichte zum Anfassen: Unser Migrationsprojekt im Rückblick

Wie wird aus „trockener Geschichte“ ein spannendes Projekt?

Im Schuljahr 2016/17 haben 14 Schülerinnen und Schüler unserer Luise-Hensel-Schule genau das gezeigt! In einer besonderen Kooperation mit dem Stadtarchiv Aachen sind sie tief in die Vergangenheit eingetaucht, um die Geschichte der Migration in Deutschland seit 1945 zu erforschen.

Spurensuche zwischen Akten und Dokumenten
Unter der Leitung von Frau Vockrodt und mit Unterstützung von Friederike Tiedeken haben die damaligen Neunt- und Zehntklässler alte Zeitungsartikel, Verwaltungsunterlagen und sogar Todesanzeigen gewälzt. Dabei ging es um weit mehr als nur Zahlen:

  • Vom Einzelschicksal zur Zeitgeschichte: Erinnert wurde unter anderem an den Portugiesen Armando Rodrigues de Sá, der 1964 als millionster „Gastarbeiter“ mit einem Moped begrüßt wurde.

  • Die eigene Geschichte im Fokus: Viele Teilnehmer stellten fest, dass ihre eigenen Familienwurzeln eng mit der Migration verknüpft sind. „Fast jede Familiengeschichte hat Teile ihrer Ursprünge im Ausland“, resümierte das Projektteam.

Eine Zeitleiste, die verbindet

Das Herzstück des Projekts war eine mehrere Meter lange Zeitleiste. Sie schlägt die Brücke von 1945 bis in die damalige Gegenwart und zeigt eindrucksvoll, wie sich die Ursachen und Wahrnehmungen von Migration über die Jahrzehnte verändert haben.

„Für uns als Realschule ist es wichtig, Geschichte greifbar zu machen. Migration ist kein reines Krisenphänomen, sondern eine Bereicherung für unsere Region.“ – so der damalige Schulleiter Michael Höbig (2016)

Ein bleibendes Zeichen

Passend zum Projekt entstand im Treppenhaus unserer Schule ein dreidimensionales Wandbild. Es zeigt die Wünsche nach Frieden und erinnert uns auch Jahre später noch täglich daran, dass Migration ein natürlicher Teil unserer Identität ist.

Gründe für Migration

Gründe für Migration:

  • Reiselust und Neugier

  • bessere Lebensbedingungen

  • Verfolgung

  • Flucht vor Krieg, Krankheit, Hunger

  • Bildung

  • Arbeit

  • Liebe

 

Bildausschnitt aus der Zeitleiste:

1939 - 1944: Zweiter Weltkrieg - Emigration, Flucht, Verfolgung durch das NS-Regime

Aufgrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten verließen Juden und Oppositionelle Deutschland zu Tausenden. Wem die rechtzeitige Ausreise bzw. Flucht nicht gelang, war in Gefahr, Opfer des menschenverachtenden Regimes der Nazis zu werden. Im Zuge des Krieges wurden in den von den Nazis besetzten Gebieten Millionen von Menschen rekrutiert und zum Arbeitseinsatz in Landwirtschaft und Industrie gezwungen. Gegen Ende des Krieges waren ca. 8 Millionen Menschen, deren Arbeitskraft als Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Konzentrationslagermitglieder ausgebeutet wurde, dem Tod näher als dem Leben.
Insgesamt wurden ca. 14 Millionen Ausländer ins „Reich“ verschleppt und zur Arbeit gezwungen. Etwa die Hälfte starb an Unterernährung, Krankheiten oder brutaler Behandlung.

In Aachen arbeiteten 1943 mehr als 3.500 Ausländer:innen, die meisten von ihnen sind Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, Polen und Westeuropa. Kriegsgefangene, Justizgefangene und die Aachener Juden werden ebenfalls zur Arbeit gezwungen. Sie arbeiten in Fabriken, auf Baustellen, bei Aachener Bauern oder in Geschäften. Die Gefangenen müssen besonders schwere und gefährliche Arbeiten übernehmen, wie die Beseitigung von Trümmern.

Im Herbst 1944 ist die Einwohnerzahl Aachens auf 6.000 geschrumpft. Nach dem Krieg füllt sich die Stadt schnell wieder. Evakuierte Aachener, Soldaten und Flüchtlinge kehren zurück. Ehemalige Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, Displaced Persons (DP) genannt, leben weiterhin in Lagern, bis sie in ihre Heimat gebracht werden. In Aachen-Brand entsteht das größte DP-Lager des Rheinlandes für 17.000 Menschen.

Bildausschnitt aus der Zeitleiste:

 

1945 - 1950: Nachkriegszeit und Vertreibung

Die letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre waren durch die Aufnahme von Vertriebenen und Flüchtlingen aus dem ehemaligen deutschen Osten geprägt. Westdeutschland nahm bis 1950 knapp acht Millionen und Ostdeutschland etwa vier Millionen Flüchtlinge auf. Trotz der wirtschaftlich katastrophalen Lage im vom Krieg zerstörten Deutschland gelang es, die große Zahl von 12 Millionen Vertriebenen und Kriegsflüchtlingen aufzunehmen und zu integrieren.

1955 - 1963: Zwischen Ost-West-Flucht und Gastarbeit: Aachen wird international

Nach dem Krieg, in der Zeit des Wiederaufbaus und des sich abzeichnenden „Wirtschaftswunders“ bestand massiver Arbeitskräftemangel, der die Anwerbung von ausländischen Arbeitnehmern notwendig machte. 1955 begann man mit der Anwerbung von Italienern, 1960 von Spaniern und Griechen und es folgten entsprechende Abkommen mit den Regierungen der Türkei, Portugals, Marokkos, Tunesiens und schließlich auch mit Jugoslawien. Das Konzept des „Gastarbeiters“ war darauf ausgerichtet, den ausländischen Arbeitskräften nur so lange Aufenthalt zu gewähren, wie sie tatsächlich wirtschaftlich gebraucht wurden. In der Regel war der Aufenthalt von „Gastarbeitern“ unmittelbar mit der Dauer des Arbeitsvertrags verknüpft.

Die ersten „Gastarbeiter“ in Aachen

„Die ersten Italiener kommen 1955 in die Region – nach Siersdorf, um für den Eschweiler Bergwerksverein zu arbeiten. Besonders im Bergbau mangelt es an Arbeitskräften. Den Italienern folgen die Spanier, die 1964 die größte Gruppe in Aachen stellen. Die ersten Griechen treffen Ende 1960 ein. Gleichzeitig kommen viele Jugoslawen. Sie bilden bis Anfang der 1970er die größte Nationalität. Zwischen 1970 und 1973 wächst die türkische Gemeinschaft sehr rasch. Insgesamt sind 1973 etwa 8 Prozent der Aachener Ausländerinnen und Ausländer.“

6. Mai 1956: Europadorf

„Grundsteinlegung des Europadorfs am Bendplatz als Siedlungshäuser für heimatlose Ausländer.

9. Juli 1959: Humboldt-Haus

„Einweihung Humboldt-Haus als Clubheim für ausländische Studenten.“

1961: Der Flüchtlingsstrom versiegt

„Der Bau der Mauer im August 1961 unterbricht den Flüchtlingsstrom aus der DDR. Bis 1969 steigt die Zahl der DDR-Flüchtlinge und Vertriebenen in Aachen auf 22.000, das entspricht 12,3 Prozent der Bevölkerung. Die gute Beschäftigungslage im „Wirtschaftswunder“ erleichtert die Integration der meist gut ausgebildeten Arbeitskräfte in die Gesellschaft der Bundesrepublik.“

4. März 1962

„Einweihung Freizeitheim für italienische Gastarbeiter im Kolpinghaus in der Pontstraße, ab 30. Januar 1965 in der Klappergasse.“

1. Mai 1963

„Eröffnung Begegnungsstätte für spanische Gastarbeiter am Bahnhofplatz 6.“

Bildausschnitt aus der Zeitleiste:

1964 - 1973: Der millionster Gastarbeiter und der große Stopp

Der millionste Gastarbeiter (1964)

„Armando Rodrigues de Sá aus Portugal wurde am 4. Januar 1926 geboren. Er kam im Alter von 38 Jahren 1964, wegen der wirtschaftlichen Krise in Portugal, als millionster Gastarbeiter nach Deutschland. […] Als Geschenk bekam er ein Moped und einen Blumenstrauß. Rodrigues arbeitete nicht in dem Wintermonaten, so konnte er seine Familie mehrmals im Jahr in Portugal besuchen.“

Religiöses und kulturelles Leben

  • 13. Mai 1964: Grundsteinlegung für die Bilal-Moschee, der ersten Studentenmoschee in Deutschland (eröffnet 1967, Minarett 1971).

  • 30. Januar 1965: Eröffnung des Clubhauses für griechische Gastarbeiter in der Krakaustraße.

Arbeitswelt & Krisen

  • 1968 – Illegale Einwanderer: „Der Arbeitskräftemangel im Bergbau ist 1968 sogar so groß, dass der Eschweiler Bergwerksverein mehr als 100 türkische Arbeiter illegal nach Deutschland bringt.“ Diese wurden später legalisiert („stillschweigendes Übereinkommen“).

  • Strukturkrise: Ab 1974 trifft die Wirtschaftskrise die Aachener Industrie (Textil- und Nadelindustrie, Zinkhütte, Bergbau). Die Zahl der Ausländer in Aachen nimmt ab 1973 nicht mehr zu.

1973: Der Anwerbestopp

„Die Ölkrise 1973 hatte verheerende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Als Folge wurde ein Anwerbestopp für „Gastarbeiter“ aus Nicht-EG-Staaten verhängt. […] Bis dahin waren 2,6 Millionen Menschen nach Deutschland gekommen. Der Anwerbestopp hatte jedoch einen gegenteiligen Effekt, weil er zu einer Verstärkung des Familiennachzugs führte.“

Zahlen für Aachen (1972/73):

  • Aachener insgesamt (1972): 239.900

  • Ausländer absolut: 18.540 (7,7 %)

  • Davon u.a.: Griechenland (1.880), Italien (720), Spanien (1.482), Türkei (2.653).

 

Bildausschnitt aus der Zeitleiste:

1974 - 1985: Zwischen Rückkehrförderung und Bleiberecht

  • Krise in Aachen:

    „Die Wirtschaftskrise erreicht auch die Aachener Region. Besonders die Textil- und Nadelindustrie trifft es hart, viele der hier beschäftigten Frauen werden arbeitslos. Auch die Zinkindustrie in Stolberg und der Bergbau im Aachener Revier leiden unter der Strukturkrise und bauen Arbeitsplätze ab. Zwischen 1974 und 1978 steigt die Zahl der Ausländerinnen und Ausländer in Aachen nicht mehr an […] Trotz Arbeitslosigkeit und drohendem Verlust der Aufenthaltsberechtigung entscheiden sich die meisten Migrantinnen und Migranten, in Aachen zu bleiben, und werden zu Einwanderern.“

  • 1974 – Gastronomie:

    „Eröffnung des ‚La Strada‘ in der Alexanderstraße 33 als erstes italienisches Restaurant Aachens.“

  • 1977 – Religion & Kultur:

    „Gründung der Yunus Emre Moschee. ‚Lasst uns die Dinge schlichter fassen. Lasst uns in Liebe leben. Niemand überlebt die Welt.‘ (Yunus Emre) – am 8. Mai 2011 erfolgte die Grundsteinlegung der neuen Moschee.“

  • 1980 – Gastronomie:

    „Eröffnung Restaurant ‚Mangal‘ am Elsassplatz als ältestes türkisches Restaurant Nordrhein-Westfalens.“

  • 1983 – Rückkehrförderungsgesetz:

    „Mit dem sogenannten Rückkehrförderungsgesetz versuchte die Bundesregierung ‚Gastarbeiter‘ zur Rückkehr ins Herkunftsland zu bewegen. Wer auf immer ging, erhielt die Summe von 10.500 DM ausgezahlt. Nur wenige ‚Gastarbeiter‘ machten davon Gebrauch. […] Von den 14 Millionen ‚Gastarbeitern‘, die zwischen 1955 und 1973 in die Bundesrepublik gekommen waren, kehrten 11 Millionen ‚Gastarbeiter‘ ohne besondere Anreize wieder zurück. Drei Millionen Menschen waren damit faktisch eingewandert.“

  • 13. März 1983 – Politische Mitbestimmung:

    „Der erste Ausländerbeirat wird in Aachen 1983 gewählt. Er soll die Sicht der Einwanderer in der Kommunalpolitik und bei der Verwaltung zur Geltung bringen. […] Sechs Jahre später erhielten allerdings nur EU-Ausländer im Zuge des europäischen Einigungsprozesses das kommunale Wahlrecht.“

  • Ab 1985 – Verstärkte Rückkehr von Aussiedlern:

    „Mit der Perestroika und den sich wandelnden politischen Verhältnissen in der Sowjetunion Mitte der achtziger Jahre kam es zu einer verstärkten Abwanderung von ethnischen Deutschen, die vor mehreren Generationen in die Sowjetunion ausgewandert waren oder im Zuge des Zweiten Weltkriegs verschleppt und umgesiedelt worden waren. […] Seit 1990 sind die Zahlen der Einwanderer aus den GUS-Staaten aufgrund des Aussiedleraufnahmegesetzes rückläufig.“

Statistik 1985:

  • Aachener insgesamt: 246.733

  • Ausländer absolut: 24.120

  • Ausländer Prozent: 9,8

  • Größte Gruppen:

    • Griechenland: 1.330

    • Iran: 1.196

    • Italien: 730

    • Spanien: 943

Bildausschnitt aus der Zeitleiste:

1992 - 2009: Kriegsflüchtlinge und neue Konzepte

1992-1996 Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien

Aufgrund der Krisen und Kriegssituation auf dem Balkan, vor allem im ehemaligen Jugoslawien, beschloss die Bundesregierung, vermehrt Bürgerkriegflüchtlinge aufzunehmen. Etwa fünf Millionen Menschen waren in dieser Zeit aus ihren Heimatorten in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Kosovo vor Gewalt und Zerstörung geflüchtet. Im Falle Bosniens hat Deutschland ca. 350.000 Flüchtlinge aufgenommen, aus dem Kosovo ca. 25.000 Menschen. Der Aufenthalt dieser Flüchtlinge war mit einer bestimmten Frist versehen, also auf Zeit gedacht. Seit 1996 wurden in Europa keine Flüchtlinge aus der besagten Region mehr anerkannt. Auch Deutschland begann konkrete politische Maßnahmen zur Abschiebung.

Die Stadtteilerneuerung Aachen-Ost startet 1999

Ein groß angelegtes Erneuerungsprogramm soll innerhalb von zehn Jahren den Aachener Osten, in dem viele Migranten leben, verändern. Mehr als 16 Millionen Euro fließen in über 400 Projekte. Die Lebensqualität im Ostviertel und in Rothe Erde, die lange vernachlässigt wurden, soll sich nachhaltig verbessern. Bauprojekte, Netzwerke und Initiativen profitieren von den Geldern. Wie sich das Leben in Aachen-Ost wirklich verändert hat, wird die Zukunft zeigen.

Die Greencard

Die Greencard ist die Kurzbeschreibung für das zwischen 2000 und Ende 2004 bestehende „Sofortprogramm zur Deckung des IT-Fachkräftebedarfs“. Experten aus dem Bereich der Informationstechnik(IT), die aus einem Land außerhalb der Europäischen Union stammten, erhielten im Rahmen der Greencard eine auf fünf Jahre befristete Aufenthaltsbewilligung und Arbeitserlaubnis, die an bestimmte Bedingungen geknüpft war. Das Programm lief Ende 2004 aus und wurde durch ein neues Zuwanderungsgesetz ersetzt, das es IT-Fachkräften weiterhin privilegiert ermöglichte, nach Deutschland einzuwandern.

Die Greencard trat in Deutschland am 1. August 2000 als „Verordnung über Aufenthaltserlaubnisse für hoch qualifizierte ausländische Fachkräfte der Informations- und Kommunikationstechnologie (IT-ArGV)“ in Kraft.

Mit der Greencard wollte die rot-grüne Regierung Schröders durch die Rekrutierung von Fachkräften, die aus einem Land außerhalb der Europäischen Union stammten, kurzfristig den Bedarf an Experten aus dem Bereich der Informationstechnik(IT) decken.

2006: Aachen mit Konzept

Die Stadt beschließt 2006 erstmals ein Integrationskonzept. Es legt Handlungsfelder und Maßnahmen fest, mit denen die Integration von Migrantinnen und Migranten gefördert wird. In den Bereichen soziale Beratung, Sprachförderung, Bildung, Arbeitsmarkt, Wohnen, Sport/Freizeit/Kultur und Senioren werden konkrete Vorschläge gemacht, die zur Eingliederung der Zuwanderer beitragen sollen. Eine Integrationsbeauftragte koordiniert die Maßnahmen, regelmäßige Evaluationen messen den Erfolg.

2008-2009: Mehr Auswanderung als Einwanderung

738.000 Menschen zogen aus Deutschland fort. Das waren rund 100.000 mehr als im Jahr zuvor. Demnach haben in 2008 erstmals mehr Menschen Deutschland den Rücken gekehrt als zugezogen sind. Das sogenannte Wanderungssaldo beträgt nach den vorläufigen Ergebnissen minus 56.000. Unter den Abgewanderten waren rund 175.000 Deutsche (2007: 161.000) und rund 563.000 Ausländer (2007: 476.000). Wie in 2007 war die Schweiz (29.139) weiterhin das beliebteste Ziel deutscher Auswanderer, gefolgt von den Vereinigten Staaten (15.436). Im Vergleich zu 2007 hat Österreich (13.336) den dritten Platz an Polen (13.711) abgegeben.

2009 sind erneut mehr Menschen aus Deutschland weggezogen als eingewandert. 734.000 Personen verließen Deutschland. Die Hauptzielländer der Auswanderer waren Polen (123.000), Rumänien (44.000), die Türkei (40.000), die USA (36.000) und die Schweiz (30.000).

Besonders viele gut ausgebildete Menschen verlassen in dieser Zeit Deutschland, weil sie in den Nachbarländern bessere Arbeitsbedingungen- und Verdienstmöglichkeiten finden, z.B. Ärzte. Auch viele Kinder ehemaliger „Gastarbeiter“ kehren wegen schlechter Arbeitschancen in die Ursprungsländer zurück.

Einwohnerzahlen in Aachen im Vergleich (1995 vs. 2005)

Kategorie 1995 2005
Aachener insgesamt 254.383 252.702
Ausländer absolut 33.679 36.022
Ausländer Prozent 13,2 14,2 %
Griechenland 2.042 1.798
Iran 1.986 945
Italien 861 923
Polen 705 1.123
Russland 898 865
Spanien 836 844
Türkei 8.762 (nicht aufgeführt)


Bildausschnitt aus der Zeitleiste:

 

2010 - 2015: Die Eurokrise

2010 Eurokrise:

Die Staatsschulden- und Wirtschaftskrise in Ländern wie Griechenland und Spanien führte dazu, dass viele junge Menschen auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland kamen.

Ausländische Bevölkerung in Aachen : 2015

  • Gesamtzahl: In Aachen lebten Ende 2015 insgesamt 42.832 Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit.

  • Vielfalt: Die Liste umfasst über 150 verschiedene Nationalitäten, was die starke internationale Prägung Aachens unterstreicht.

Diese fünf Gruppen stellten 2015 fast ein Drittel der gesamten ausländischen Bevölkerung dar:

  1. Türkei: 6.377 Personen (mit Abstand die größte Gruppe)

  2. Polen: 2.095 Personen

  3. China (einschl. Tibet): 2.055 Personen

  4. Syrien: 1.817 Personen

  5. Griechenland: 1.630 Personen


Bildausschnitt aus der Zeitleiste:

2016: Der Wettbewerb, das Projekt und die "Seiteneinsteiger"

Der Wettbewerb „Kooperation. konkret“

Im Schuljahr 2016/17 erforschten SchülerInnen der Klassen 9 und 10 der Luise-Hensel-Realschule im Rahmen eines Projekts mit dem Stadtarchiv Aachen zum Thema „Migration in Aachen“ die Migrationsgeschichte der Stadt Aachen nach dem Zweiten Weltkrieg und ihre eigene Familiengeschichte. Auch die aktuelle Flüchtlingswelle und ihre Auswirkungen auf die Betroffenen und die Stadt insgesamt wurden genauer untersucht.

Im ersten Halbjahr wurden allgemeine Begriffe bestimmt, Archivalien bearbeitet, Ausstellungen besucht („Migration in Aachen“) und weitere schulische Lernorte wie das Aachener Grashaus, das eine multimediale Aufbereitung des Themas anbietet. Die SchülerInnen erarbeiteten ihre eigene Geschichte durch Befragung von Familienangehörigen und durchforsteten Fotoalben.

Im zweiten Halbjahr lag der Schwerpunkt auf der Sicht auf die aktuelle Flüchtlingspolitik. Es gab Interviews mit Mitarbeitern des Kommunalen Integrationszentrums und Sozialarbeitern der Stadt Aachen, der Lehrerin einer internationalen Flüchtlingsklasse sowie einem jungen Flüchtling. Dokumentarfilme über junge Flüchtlinge in Aachen, eine Fotopräsentation des inzwischen geräumten Lagers in Calais/Nordfrankreich und der Besuch eines Theaterprojekts von SchülerInnen der Schule und jungen Flüchtlingen rundeten das Erfahrungsspektrum ab. Die Ergebnisse der Projektarbeit wurden in einer großformatigen Zeitleiste festgehalten.

Bereits zu Beginn des Schuljahres war die Projektidee beim Wettbewerb „Kooperation. konkret“ eingereicht worden, der nachhaltige Bildungspartnerschaften wie hier zwischen Schule und Archiv auszeichnet. Dabei hat das Projekt einen ersten Preis gewonnen. Mit dem damit verbundenen Preisgeld wurde ein künstlerisches Wandobjekt zum Aspekt von Geschichte und Politik auseinandergesetzt. Die SchülerInnen haben sich ein Schuljahr lang intensiv mit diesem Aspekt von Geschichte und Politik auseinandergesetzt.

Unsere gemeinsame Erkenntnis: Migration ist der Normalfall und bei fast allen Teil der eigenen Lebenswelt.

Das Flüchtlingslager von Calais

Im Mai 2017 hielt Herr Dr. Müller, ein Mitarbeiter des Stadtarchivs Aachen, für uns einen Diavortrag über das Flüchtlingslager von Calais in Nordfrankreich. Herr Dr. Müller war mehrfach nach Calais gereist und konnte uns nicht nur viele Bilder aus dem Lager zeigen, sondern uns auch umfassend über die Situation dort informieren.

Das erste Dia zeigte ein Plakat am Eingang des Lagers von Oktober 2016, eine Woche, bevor das Lager geräumt wurde. „Welcome to the jungle“ steht auf dem Plakat sowie eine Auflistung der Bewohner: Population: 8.143 Children: 1.496 unaccompanied*: 1.291 (* unbegleitete Kinder)

Das Lager wurde auch „Dschungel von Calais“ genannt und war eine Zeltstadt mit provisorischen Unterkünften, in der zwischenzeitlich bis zu 10.000 Menschen kampierten, die auf eine Möglichkeit warteten, durch den Eurotunnel nach Großbritannien weiterzureisen. Das Gebiet um den Tunnel ist inzwischen Hochsicherheitsgebiet mit meterhohen Stacheldrahtzäunen und rund um die Uhr streng bewacht, da die Flüchtlinge versuchen, zu Fuß oder heimlich auf LKWs zu gelangen. Das Lager, der Dschungel, wurde im Oktober 2016 komplett geräumt und geschlossen. Es gibt kein neues offizielles Lager seitdem in Calais, aber inzwischen sind wohl wieder mehrere hundert Flüchtlinge vor Ort, die in vielen kleinen Camps auf ihre vermeintliche Chance warten, nach England zu gelangen.

Das Lager war eine teilweise legale Ansiedlung, das heißt es gab (in nicht ausreichendem Rahmen) staatliche Container, Wasserstellen, Handystrom, Müllentsorgung, Toiletten und eine Essensausgabe durch den französischen Staat. Jegliche weitere Unterstützung der Flüchtlinge (Schulunterricht, Kleidung, Spielzeug, alles weitere) wurde durch private Initiativen aufgebracht.

Im Lager gab es sogenannte jeweilige communities der Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, Sudan usw., die z.B. den Schulbesuch der jeweiligen Kinder und Jugendlichen organisierten und improvisierte Gotteshäuser und Moscheen errichteten. Innerhalb des Lagers gab es einen geschützten, durch Flüchtlinge bewachten Bereich für Frauen und Kinder. Konflikte wurden durch community leader, z.B. Imame, geregelt. Die Polizei agierte in den meisten Fällen lediglich außerhalb des Lagers. Fast alles im Dschungel war improvisiert, der größte Teil der privaten und „öffentlichen“ Gebäude, die 60-70 kleinen Läden und „Restaurants“, die von Lagerinsassen betrieben wurden, usw.

Nach der Räumung des Lagers wurden die Flüchtlinge in ganz Frankreich verteilt. Ein kleiner Teil der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die Angehörige in Großbritannien nachweisen konnten, wurden von England aufgenommen. Bei der Räumung durch die Polizei kam es auch zu heftigen gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden nach der Räumung weiter verstärkt. Das Thema „Flüchtlinge“ spielte auch im französischen Präsidentschaftswahlkampf eine große Rolle.

Die schulische Situation von zugewanderten Kindern und Jugendlichen

Nicht nur erwachsene Migranten kommen nach Deutschland. Viele der Zugewanderten sind noch unter 18 und damit schulpflichtig. Somit müssen die Kinder und Jugendlichen in Schulen untergebracht werden. Viele Schulen in Aachen bieten Vorbereitungsklassen und sogenannten Internationale Förderklassen an. An allen Schulformen in Aachen gibt es Förderklassen. Diese Klassen sind meist altersgemischt und gehen von der ersten bis zur zehnten Klasse.

Die zugewanderten schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 18 Jahren werden auch SeiteneinsteigerInnen genannt. Sie sprechen in der Regel kein Deutsch. Viele kommen aus Afghanistan, Syrien, Nord- und Zentralafrika. Junge SeiteneinsteigerInnen sind häufig sehr lernmotiviert. Die Herausforderung für die Schulen besteht darin, dass die Kinder und Jugendlichen sehr unterschiedliche Bildungsbiographien haben, oft traumatisiert sind und häufig erst das lateinische Alphabet lernen müssen. Gleichzeitig sollen die SchülerInnnen möglichst schon regulären Unterricht z.B: in Musik, Kunst, Sport, Englisch oder Mathe besuchen. Die Lehrer brauchen sehr viel Geduld und die Kinder und Jugendlichen Zeit, um all die Herausforderungen bewältigen zu können.

Fehlende Schulplätze stellen nicht nur in Aachen ein Problem dar, vor allem in der weiterführenden Bildung über Deutschkurse hinaus. Die meisten internationalen Flüchtlingsklassen gibt es an den Hauptschulen und Berufskollegs, aber auch an vielen Gymnasien der Stadt.

Seit dem Schuljahr 2014/15 zählt das Kommunale Integrationszentrum Aachen, das für die schulische Situation zugewanderter Kinder und Jugendlicher zuständig ist, über 1600 SeiteneinsteigerInnen in Aachener Schulen.

Im Schuljahr 2015/16 war die Höchstzahl mit 801 SeiteneinsteigerInnen erreicht.

Im Schuljahr 2016/17 waren es noch über 300.

Statistiken der Seiteneinsteiger (Schuljahr 2016/17)

Das Diagramm des Kommunalen Integrationszentrums der Stadt Aachen zeigt die Nationalitäten der SchülerInnen, die als Seiteneinsteiger beraten oder vermittelt wurden:

  • Größte Gruppen:

    • Syrisch: 84 Personen

    • Irakisch: 26 Personen

    • Afghanisch: 21 Personen

    • Bulgarisch: 15 Personen

    • Griechisch: 13 Personen

    • Albanisch: 8 Personen

Weitere Nationalitäten (Auswahl): Unter anderem sind Kinder aus Eritrea (2), Guinea (5), Italien (7), Rumänien (26), Nigeria (3) und der Türkei (4) vertreten.

Bildausschnitt aus der Zeitleiste:

2017: Flüchtlingsklassen und unser Kunstprojekt

Bericht einer Aachener Lehrerin über ihre Internationale Flüchtlingsklasse im Schuljahr 2016/17 (April 2017)

Frau S. unterrichtet seit Mai 2015 an einem Aachener Gymnasium 16 SchülerInnen in einer Internationalen Flüchtlingsklasse. Alle kommen aus Kriegsregionen, fünf von ihnen aus Syrien, acht aus dem Irak, einer aus dem Iran und zwei aus Armenien. Alle sind zwischen 10 und 16 Jahren alt.

Die Kinder aus dem Irak sind aus einer Familie und zwei Jahre auf der Flucht gewesen. In der Türkei waren sie in einem Flüchtlingslager. Insgesamt gibt es in der Familie 11 Kinder, 9 sind mit der Mutter alleine geflohen. Ihr Heimatort war vom IS besetzt und sie wurden als Jesiden vom IS als religiöse Minderheit verfolgt. Die SchülerInnen aus Syrien haben Bombenangriffe miterlebt. Ein Mädchen aus der Klasse ist vergewaltigt worden. Über viele Erlebnisse wollen die Kinder auch mit niemandem sprechen. Ein Schüler der Klasse ist ohne Eltern geflohen und lebt in Aachen im Kinderheim.

In der Klasse gibt es häufig Konflikte zwischen den Mädchen und Jungen, weil viele in ihrer Heimat nicht gleichberechtigt erzogen wurden. Auch das Miteinander der verschiedenen religiösen Gruppen (Christen, Muslime, Jesiden) ist oft schwierig.

Um die Klasse kümmern sich zwei KlassenlehrerInnen, zwei ehrenamtliche Helfer und Sonderpädagogen. Die SchülerInnen haben zusammen täglich zwei Stunden Deutsch und Förderunterricht in Mathe und Deutsch. Außerdem werden sie einzeln in verschiedenen Regelklassen in vielen Fächern unterrichtet. In der Klasse wird nur Deutsch gesprochen. Das Mittagessen wird zusammen in der Schule eingenommen.

Bei unserem Gespräch erzählt Frau S., dass zu diesem Zeitpunkt die zwei armenischen Kinder mit der Mutter einen Abschiebungsbescheid erhalten haben, während der Vater Bleiberecht bekommen hat. Die Lehrer wollen sich für ein Bleiberecht der Kinder und der Mutter einsetzen. Eigentlich haben Kinder und Jugendliche in Deutschland während ihres Schulbesuchs oder einer Ausbildung ein Bleiberecht.

Unser Kunstprojekt zum Thema „Migration“

Wir haben für unser Projekt „Migration in Aachen“ beim Wettbewerb „Kooperation. konkret“ einen Preis gewonnen, der mit 1.000 Euro dotiert ist. Das Preisgeld soll im Rahmen des Projektes eingesetzt werden. Wir überlegten uns, was unser Projekt am besten widerspiegelt und kamen dann zu dem Entschluss, ein Kunstprojekt zu starten.

Zusammen mit dem Aachener Künstler Sebastian Schmidt haben wir im Frühjahr 2017 eine Umsetzung geplant und im Mai dann konkret umgesetzt. Geplant und erstellt wurde ein dreidimensionales Wandbild zum Thema „Migration“, das nun in unserer Schule im Treppenhaus hängt. Wir wollten die Situation der Flüchtlinge in ihrer Heimat abbilden, ihre Flucht und dann unseren gemeinsamen Wunsch nach Frieden in der Welt.

Wir haben Motive im Internet und in Zeitungen gesucht, Vorlagen auf Folien projiziert und abgemalt und die Motive dann groß mit Acrylfarbe auf Spanplatten gemalt, die wir zum Teil vorher zurecht gesägt und zusammengeschraubt haben. Zum Glück war das Wetter gut und wir konnten im Innenhof der Schule arbeiten, weil wir viel Platz benötigten. Zwischendurch war es auch mal anstrengend, weil wir mehr Zeit als geplant brauchten und es dann so heiß war, dass die anderen hitzefrei hatten und nach Hause gehen konnten, wir aber nicht. ☺

Dafür sind wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden und finden, dass wir die Thematik gut dargestellt haben. So bleibt etwas von dem Projekt im wahrsten Sinne hängen.

Bildausschnitt aus der Zeitleiste:

Unsere gemeinsame Erkenntnis